Modellvorhaben innovativer ÖPNV im ländlichen Raum

Ausgangslage und Ziele des Projektes: 

Viele Gemeinden und Städte in ländlichen Regionen sehen sich bereits seit Jahren mit den Auswirkungen einer alternden und schrumpfenden Bevölkerung konfrontiert. Durch Konzentrationen in Verwaltung, Einzelhandels- und Dienstleistungssektor werden räumliche Strukturen zunehmend verkehrsaufwändiger. Im Bereich der Schülerbeförderung führen abnehmende Nutzerzahlen zu geringeren Ausgleichszahlungen. Die sinkende finanzielle Ausstattung führt wiederum häufig zu Einschränkungen des Angebots im öffentlichen Personennahverkehr.

Ein zeitlich und räumlich gebündelter ÖPNV verliert damit für die Nutzer stetig an Attraktivität, klassischer Linienverkehr an Effizienz. Während in Ballungsräumen, besonders bei jungen Nutzergruppen, die Nachfrage nach öffentlichen Verkehrsmitteln steigt, fehlen im ländlichen Raum entsprechend attraktive Angebote. Dies ist der Ansatzpunkt für bedarfsorientierte Verkehre.

Es gibt jedoch bislang im Landkreis Calw keine zentrale Auskunft (z.B. Mobilitätszentrale) für alle Bedarfsverkehre im Landkreis mit Informationen zu Bedienzeiten, Bediengebieten und anderen relevante Kriterien für die Nutzer/innen. Eine Buchung ist bislang nur per Telefon bei dem jeweiligen Anbieter möglich. Das führt zu einem ineffizienten Betrieb, z.B. durch Parallelfahrten, und damit auch zu einer schlechteren Servicequalität beim Kunden aufgrund längerer Wartezeiten.

In Baden-Württemberg und darüber hinaus ist der Landkreis Calw ein Vorreiter im Bereich der Bedarfsverkehre. Bereits 2013 erhielt das Oberreichenbacher Elektro-Bürgerauto den ÖPNV-Innovationspreis des Landes Baden-Württemberg. 2015 wurde auch das landkreisweit größte Rufbussystem „Centro“ der Firma Albert Rexer GmbH & Co. KG mit diesem Preis ausgezeichnet. Aus wirtschaftlichen Gründen wurde der Bedarfsverkehr mit Wirkung zum 28.02.2016 eingestellt. Seitdem kommen wieder klassische Linienverkehrsfahrpläne zur Anwendung. Der Landkreis ist jedoch entschlossen, gerade auch im Zuge der Neuauflage des Nahverkehrsplans systematisch ein tragfähiges und nutzerorientiertes ÖPNV-Gesamtsystem zu entwickeln, das mittel- bis langfristig auch verstärkt bedarfsorientierte Angebote enthält.

Mit dem „Modellvorhaben innovativer ÖPNV im ländlichen Raum“ möchte der Landkreis Calw offensiv seiner Rolle als dem Wohl der Landkreisbewohnerinnen und -bewohner verpflichteter, innovativer und zugleich wirtschaftlicher Aufgabenträger nachkommen. Wesentliche Eckpunkte des von uns angestrebten, neuen ÖPNV-Gesamtsystems sind:

  • Gewährleistung eines flächendeckenden, stündlichen ÖPNV-Angebots unter angemessenem Einsatz bedarfsgesteuerter Systeme im Regelbetrieb,
  • Entwicklung eines Muster-Vergabeverfahrens für die kombinierte Vergabe von Linien- und Anrufverkehren, das als Grundlage für zukünftige Vergabeverfahren im Landkreis Calw und weiteren Landkreisen in Baden-Württemberg genutzt werden kann,
  • Aufbau einer landkreisweiten Dispositionszentrale mit geeignetem Betreibermodell und geeigneter Soft- und Hardware,
  • Vorbereitung der Einführung von ergänzendem Ridesharing/Mitfahrvermittlung.

Wir streben jedoch nicht nur einen Neuanfang im ÖPNV an, sondern möchten auch die anderen Landkreise in Baden-Württemberg an unseren Erfahrungen teilhaben lassen. Daher werden wir sicherstellen, dass alle Aufgabenträger in Baden-Württemberg unentgeltlichen Zugang zu den in diesem Projekt erarbeiteten Muster-Vergabeunterlagen und Berichten erhalten werden. Auch nach Projektende stehen wir als Referenten für entsprechende Fachveranstaltungen gern zur Verfügung.

Da das Land Baden-Württemberg zurzeit für ehrenamtliche Verkehre (Bürgerbusse/Bürgerautos) ein eigenes Planungstool entwickelt, das den Betreibern eine effizientere Disposition und eine bessere Rücksicht auf den ÖPNV ermöglichen soll, wird eine enge und kontinuierliche Zusammenarbeit mit den Auftraggebern angestrebt. Sowohl bei der Wahl eines geeigneten Betreibermodells als auch bei der Umsetzung der IT-Komponenten der Dispositionssoftware wird geprüft, ob und wenn ja, wie eine Anschlussfähigkeit zu dem Bürgerbus-Planungstool hergestellt werden kann. Ohne detaillierte Informationen kann dies jedoch zum aktuellen Zeitpunkt nicht vorab zugesichert werden.

Das Vorhaben startet mit der Umsetzung eines bedarfsgesteuerten ÖPNV-Angebots (Arbeitspaket 1a) zur systematischen Ausweitung der Verkehrsangebote im Landkreis Calw. Parallel hierzu wird ein Muster-Vergabeverfahren (AP 1b) initiiert, das als Grundlage für zukünftige Vergabeverfahren im Landkreis Calw und weiteren Landkreisen in Baden-Württemberg genutzt werden können soll. Ebenfalls parallel dazu wird eine Dispositionszentrale im Landkreis Calw aufgebaut (AP 2). Die zur landkreisweiten Disposition aller ÖPNV-Verkehre (Linienfahrten wie auch Bedarfsverkehre) notwendige Hard- und Software wird entwickelt und erprobt (AP 3), und die Einführung eines ergänzenden Moduls für Ridesharing/Mitfahrvermittlung wird konzeptionell vorbereitet (AP 4).

Begleitet wird die Einführung und Erprobung der landkreisweiten ÖPNV-Disposition durch ein zielgruppenorientiertes Marketingkonzept (AP 5). Eine Analyse der durch die Einführung und Erprobung der landkreisweiten ÖPNV-Disposition erzielten Effekte erfolgt im Rahmen der Evaluation (AP 6).

Über den gesamten Projektverlauf hinweg stellt das begleitende Projektmanagement (AP 7) die zielführende Zusammenarbeit der Projektpartner sowie den regelmäßigen Austausch mit den Auftraggebern sicher.

Projektinhalte und Arbeitsschwerpunkte InnoZ: 

Das InnoZ beteiligt sich an folgenden Arbeitspaketen:

AP 3: Dispositionssystem:

  • AP-Leitung
  • Support Schulung
  • Summative Usability-Evaluation

AP 4: Ridesharing-Modul

  • Benchmark-Analyse, Anforderungsdefinition und Konzeption
  • Identifikation „Pilotraum“ über Ansatz „Vertrauensnetzwerke“ und räumlicher Bedarf
  • Ggf. Erprobung

AP 6: Evaluation

  • Einsatz von modalyzer zur Ermittlung der Nutzungskontexte und VM-Kombinationen zu mehreren Zeitpunkten
  • Analysen und Empfehlungen zu Angebotsverbesserungen

AP 7: Projektmanagement

  • Controlling, Berichtslegung, Kommunikation
Beteiligte Projektpartner: 

Landratsamt Calw

Der Landkreis Calw in seinen heutigen Grenzen entstand durch die baden-württembergische Kreisreform im Jahre 1973. Auf einer Fläche von etwa 800 Quadratkilometern finden sich insgesamt 25 Städte und Gemeinden.

Der Landkreis ist ein ländlich geprägter Raum mit Tendenzen zum verdichteten ländlichen Raum in Osten des Kreises. Gelegen im Norden des Schwarzwaldes, befindet sich der Kreis Calw in der unmittelbaren Nachbarschaft zu sechs weiteren Landkreisen und einem Stadtkreis.

Die Verdichtung im Osten ist Resultat der engen wirtschaftlichen und verkehrlichen Verflechtungen mit dem Landkreis Böblingen, während der Westen des Kreises bedingt durch die naturräumlichen Gegebenheiten eher dünn besiedelt ist. Insgesamt ist der Landkreis Calw die Heimat von über 150.000 Menschen.

 

Albert Rexer GmbH & Co. KG

Das Verkehrsunternehmen Albert Rexer GmbH & Co. KG wurde 1931 von Albert Rexer gegründet und ist seit mehr als 70 Jahren als Reiseanbieter und Linienkonzessionär im Landkreis Calw aktiv. Das Unternehmen verfügt mittlerweile über eine breite Palette von Fahrzeugen für jeden Bedarf, von Kleinbussen über Linienbusse bis hin zu 4-Sterne- und 5-Sterne-Reisebussen.

 

KCW GmbH

Die KCW GmbH ist eine der führenden Strategie- und Managementberatungen für öffentliche Dienstleistungen. Der Schwerpunkt der Aktivitäten liegt im straßen- und schienengebundenen öffentlichen Verkehr.

Als unabhängiges Beratungsunternehmen hat sich KCW auf die Belange der öffentlichen Hand spezialisiert. Zu den Kunden gehören Kommunen, Aufgabenträger des öffentlichen Verkehrs, Verkehrsverbünde und Ministerien.

KCW besteht seit 1998. Im Jahr 2003 erfolgte die Ausgründung als eigenständige Gesellschaft mit beschränkter Haftung (GmbH). Derzeit sind über 50 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter an den Standorten in Berlin und Hamburg beschäftigt. Das Beratungsunternehmen arbeitet interdisziplinär und beschäftigt Ingenieure, Geografen, Juristen und Ökonomen.

Für die im Rahmen des „Modellvorhabens innovativer ÖPNV im ländlichen Raum“ zu bearbeitenden Arbeitspakete 1 und 2 ist KCW besonders geeignet, da KCW über eine ausgewiesene Expertise in der Durchführung von Vergabeverfahren und zur Disposition von Anrufverkehren besitzt. Ansprechpartner und Projektleiter bei KCW ist Dr. Christian Mehlert.

 

Probst & Consorten

Probst & Consorten Marketing-Beratung berät Verkehrsverbünde, Verkehrsunternehmen und Aufgabenträger im öffentlichen Personenverkehr hinsichtlich Erlös- und Kundenorientierung. Die Projekte von Probst & Consorten erfassen alle Aspekte des strategischen Marketings: Dazu gehört der Bereich „Angebotskonfiguration“ mit Marktforschung, Preis- und Leistungsgestaltung. Probst & Consorten berät auch im Bereich „Angebotsvermarktung“, d.h. bei der Gestaltung von Kommunikations- und Vertriebsstrategien und deren Umsetzung.

Schwerpunkt der Beratungsleistung in diesem Projekt werden für Probst & Consorten Fragestellungen rund um die Kommunikationsstrategie und deren Umsetzung sein. Das Unternehmen weist hinsichtlich dieser Aufgaben – und in der Strategieentwicklung insgesamt – langjährige Erfahrungen mit erfolgreich abgeschlossenen Projekten auf. Derzeit werden zahlreiche Verkehrsverbünde, Verkehrsunternehmen und Auftraggeber – auch im süddeutschen Raum – bei Kommunikationsstrategien beraten.

Das Unternehmen besteht seit 1997 und ist ein Einzelunternehmen mit Dipl.-Volkswirt Gerhard Probst als Inhaber. Der Firmensitz ist in Dresden. Derzeit sind 14 Mitarbeiter/innen beschäftigt. Probst & Consorten ist ein interdisziplinäres Team aus Ingenieuren, (Verkehrs-) Ökonomen, Geographen und Kommunikationswissenschaftlern.

 

SRH Hochschule für Wirtschaft und Medien Calw

Die SRH Hochschule für Wirtschaft und Medien Calw bietet Bachelor- und Masterstudiengänge in den Fachbereichen Wirtschaft, Medien und Kommunikation sowie Kulturmanagement an. Über 300 Studierende werden an der privaten, staatlich anerkannten Hochschule als zukünftige Entrepreneure und Führungskräfte ausgebildet. Die Unternehmensstrategie ist auf Wachstum und Ausbau der Hochschule ausgelegt und bietet große Gestaltungsmöglichkeiten. Die SRH Hochschule Calw ist eine von neun SRH-Hochschulen mit insgesamt 9.500 Studierenden.

Prof. Dr. Sven Cravotta ist seit über einem Jahr Dekan des Fachbereichs Wirtschaft sowie Studiengangsleiter des Bachelorstudienganges Marketingmanagement an der SRH Hochschule Calw. Als akademischer Leiter des Fachbereichs ist er für empirische Forschungsprojekte verantwortlich. Er bringt insgesamt zehn Jahre Lehr- und Forschungserfahrung mit. Die Diplom-Betriebswirtin Nicole Schaible ist Leiterin der Marketingabteilung und Lehrbeauftragte der SRH Hochschule Calw. Sie verfügt über die nötige Ortskenntnis und begleitet an der Hochschule eine Vielzahl von studentischen Praxisprojekten. Dabei befassen sich Studierende mit aktuellen Themen aus dem Landkreis Calw, entwickeln geeignete Handlungsoptionen und präsentieren diese den Entscheidungsträgern. In dieser Konstellation soll auch die Evaluation (AP 6) zur Einführung und Erprobung der landkreisweiten ÖPNV-Disposition an der SRH Hochschule durchgeführt werden.

 

Eckardt Software Management ESM GmbH

Die ESM GmbH ist ein etablierter Softwareanbieter für bedarfsgesteuerte Verkehre, Anrufsammeltaxis, Rufbusverkehre und Richtungsbandbetrieb im ÖPNV mit Sitz in Hannover.

Das firmeneigene AnSaT®-Softwaresystem erledigt umfangreiche Aufgaben zur automatischen Durchführung der verschiedenen ÖPNV-Sonderformen. Es eignet sich sowohl für den Einsatz in kleineren Zentralen, z.B. in einer Taxizentrale, als auch in Mobilitätszentralen. AnSaT® verfügt über Importschnittstellen für Fahrplandaten, die Busverkehre und nachfragegesteuerte Verkehre beinhalten können. Da das System intern bereits über VDV-Komponenten wie z. B. VDV-459 (AST) arbeitet, ist die Anbindung an Fremdsysteme wie RBL und Echtzeitauskunft denkbar.

 

Projektlaufzeit: 
01.11.2016 bis 31.10.2019